Wirtshäuser, Wirtschaften
Um 1798 ging die Führung der Taverne zur Sonne in Weisslingen als ‚Alleinherrschaft‘ zu Ende. Doch schon früher haben die Betreiber von Schwitz- und Badstübli ohne Bewilligung gewirtet: 1752 wurde Wachtmeister Gähwiler von Neschwil wegen Wirtens durch den Rittertag von Kyburg mit 5 Pfund gebüsst. Mit der ab 1798 geltenden Gewerbefreiheit entstanden die regulären Pintenwirtschaften.
Die Munizipalgemeinde Weisslingen meldete dem Distriktstatthalter Scheuchzer 1802 folgende Pintenwirte in Neschwil: Heinrich Sitz (Haus im Winkel) und Conrad Copleth (Hintergass). Wie lange diese die Wirtschaften geführt haben, ist nicht bekannt. Auf Grund des Wirtschaftsgesetzes von 1845 musste der Gemeinderat vor der Abgabe der Wirtepatente den Gastwirten jährlich ein Fähigkeitszeugnis ausstellen, auch für Bisherige, und dem Statthalteramt melden. Die jährlichen Kosten betrugen für den Gastwirt bis Fr. 100.- . An Sonn- und Feiertagen war früher das Bewirten von Gästen verboten. Nur die Schützen konnten nach ihren Übungen zum feierlichen Absenden (Rangverkündigung) nach dem Gottesdienst einkehren. Die Stillständer (Vorsteher der Kirchgemeinde) wachten streng über die Einhaltung der Sonntagsruhe. Übertretenden drohten
Geldstrafen:
1683 strafte das Gericht Hans-Peter Jucker, Neschwil, mit einer Busse, weil er in Theilingen am Sonn-tag trank und spielte. Erst später erfolgte die Aufhebung des Wirteverbots an Sonntagen. Bei ungebührlichem Verhalten der Gäste wurde gegen diese ein Wirtshausverbot ausgesprochen und im amtlichen Publikationsblatt, später nur noch durch den Wirt persönlich veröffentlicht. Nach einem Wirtshausbesuch blieb es nicht immer beim fröhlichen Ausklang des Abends. Beschimpfungen, Zänkereien und auch Schlägereien, z. T. auch mit gerichtlichen Folgen trübten die Heimkehr der Wirtshausbesucher.
Solche Vorfälle gehören aber heute auf dem Lande eher der Vergangenheit an. Nach der Entstehung der Bierbrauereien wurde in den Gaststätten vermehrt Wein statt Bier ausgeschenkt, danebst der eigene, durch den Wirt selbst hergestellte Most. Bei Tobelsäuberungen in den 1970er-Jahren kamen auch Bierflaschen ehemaliger Brauereien zum Vorschein. Jede Bierbrauerei hatte ihre eigene Bierflasche mit eingegossenem Namen und Klappverschluss.
Bierbrauereien
Brauerei Weisslingen: 1884 – 1903; Brauerei Hürlimann, Feldbach: 1836 – 1866: do. in der Enge Zürich: 1866 – 1996; Haldengut Winterthur: 1843 – 1993; Usterbräu, Uster: 1858 – 1978: Neubeginn 2012; Brauerei im Berg, Weisslingen: seit 2015
1994 übernimmt Heineken Switzerland die Bierproduktion von Haldengut, verlegt diese aber nach Chur. 1996 stellt die Brauerei Hürlimann die Bierproduktion ein. Neu übernimmt die Feldschlösschen AG in Rheinfelden das Brauen von Hürlimann-Bier. Dieses wurde schon früher, nebst anderen Biersorten, in einheitlichen Flaschen auch im Freihof Neschwil angeboten.
2015 begann der Familienbetrieb Denzler im Berg Weisslingen, mit dem Brauen von fünf Biersorten. Abnehmer sind, nebst Verkaufsläden, auch Private.
Das Bier wurde früher mit Pferdegespannen bei den Gaststätten angeliefert, nebst Flaschenabfüllung auch in 25- und 50 Liter-Holzfässern. Die Fuhrmänner und ihre Begleiter trugen lederne Achselschütze für das Tragen der Bierkisten und der in Eiskisten mitgeführten Eiswürfel in die Keller der Gaststätten. Die Eiswürfel dienten früher zur Kühlung des Biers. Sie wurden im Winter mit speziellen Sägen aus dem Eis von zugefrorenen Weihern zugesägt, von 1884 bis 1903 auch beim Weiher der Brauerei Weisslingen. Nach der Elektrifizierung kamen dann Eismaschinen der Brauereien zum Einsatz. Um 1920 übernahmen Lastwagen den Biertransport. In einem kleinen, isolierten Anhänger wurden auch die Eiswürfel für die Gaststätten mitgeführt.
Wirtshäuser
Als Eigentümer von Liegenschaften für die Bewirtung führten die Gastwirte auch einen Landwirtschaftsbetrieb. Nur so ermöglichte der Betrieb einer Gaststätte auch eine ausreichende Existenz. Die damaligen Gastwirte wurden als Weinschenk bezeichnet.
Die Gastwirte in Neschwil
Frohsinn, Neschwilerstrasse 48: 1818 – 1844: Jakob Heider; 1819: Neubau mit Scheune aus Holz anstelle des alten Gebäudes; 1845 – 1856: Jakob Gähwiler; 1857 – 1864: Barbara Schneebeli; 1865 – 1866: Rudolf Schneebeli; 1867 – 1883: Jakob Hirzel; 1878: Neubau mit Wohnhaus und Scheune; 1884 – 1910: Mathias Spörri; 1911 – 1945: Alfred Spörri, Erben Spörri; 1945: Der Betrieb der Wirtschaft wird beendet.
Restaurant Freihof, Neschwil: Ludetswilerstrasse 19
1830 – 1863 Hans-Ulrich Jucker
1839 Neubau mit Mauerwerk, Holz und Dachziegeln
1864 – 1898 Ulrich Jucker
1897 – 1947 David Heller, mit Bäckereibetrieb
1948 – 1962 Heinrich Heller (Jahrgang 1924)
1962 – 1980 Erben Heller, Luise (1927)
1980 – 2021 Heinrich Heller (1953)
1897 kaufte David Heller (Jahrgang 1866) den Freihof, zu dem auch ein Landwirtschaftsbetrieb gehörte. Hier richtete er neu auch seine Bäckerei ein, die er seit 1892 in Neschwil betrieb. Vor dem Freihof pflanzte er einen Kastanienbaum als Schattenspender. Sein Enkel Heinrich (Jahrgang 1924), der schon mit ihm zusammenarbeitete, übernahm 1948 beide Betriebe. Der Gemeinderat verlangte vor der Vergabe des Wirtepatents, dass er einen Vorbereitungskurs besuche. Nach dem Tod von Heinrich Heller (1962) übernahm seine Frau Louise die Leitung des ganzen Betriebes. Zur Vergrösserung der Bewirtungsfläche im Restaurant wurden ab den 1970er-Jahren bauliche Veränderungen vorgenommen: Abbruch der Trennwand mit aufklappbarem Laden im Vorraum beim Restauranteingang, der als Sitzungszimmer diente. Ebenso wurde neu der hintere Teil des Restaurants genutzt, der bis anhin als Arbeitsraum diente. Notwendig war auch der Neubau von WC-Anlagen beim Eingang, welche das Plumpsklo hinten im Gang ersetzten. Der Hinterausgang des Restaurants wurde geschlossen und ein Teil der ehemaligen Backstube ausgebaut. Dadurch entstand Platz für eine Abwaschkombination, eine Theke mit Kühlschrank, Wandablagen und den Kellerabgang. Der übrige Teil wurde zu einem kleinen Saal für Vereine und Gesellschaften ausgebaut. Ein Musikautomat mit Münzeinwurf erfüllte sowohl die Wünsche der Gäste als auch der Tanzfreudigen. Auch der „Fussball-Töggelikasten“ brachte Abwechslung. Danebst gab es auch einen Geldspielautomat, dessen Benützung in Gaststätten aber später wieder verboten wurde. Damals gab es noch keine Kaffeemaschinen. Das Wasser für den Kaffee erhitzte man mit einem Elektrotauchsieder im Kaffeeglas. Das Abwaschen von Gläsern und Anderem erfolgte im hinteren Teil des Restaurants. Ein Wandrechen diente zum Aufstecken der abgewaschenen Gläser und Flaschen.
Zum Service und Verkauf kamen früher nebst Bier, Wein und Schnäpsen auch Süssgetränke: Von den Winterthurer Firmen Widmann das Orange-Getränk Orta ab 1868 und von Ballauf ein blaues Getränk namens Balla, daneben auch Vivi-Kola, Citro und Andere. Für die Abgabe eines Wirtepatents durch den Gemeinderat war neu ab 1950 das Bestehen einer Wirteprüfung Bedingung (Diese Bestimmung wurde 1998 wieder aufgehoben).
Wirtshausgeschichten
Nach der Gemeindeversammlung im Schulhaus besuchten üblicherweise alle Teilnehmer noch das Wirtshaus, sofern die Zivilgemeinde eine Runde spendierte. Sitzungen von Vereinsvorständen fanden abwechslungs-weise in den anfänglich noch zwei vorhandenen Wirtshäusern (Freihof und Frohsinn) statt. Mehrere Mitglieder von Vereinen fanden dort nach ihren Übungen Abwechslung mit Gesang und einem Trunk (oder auch mehreren). Auch auswärtige Vereine kamen nach Neschwil, denn der Heiri (Senior) sorgte mit seinem Handörgeli, auch als Begleitung des Gesangs, oft für Jubel und Heiterkeit. Auch einzelne Mitglieder des Musikvereins Weisslingen verbreiteten im Freihof nach ihren Übungen unter Dirigent Robert Peter Stimmung mit ihren Instrumenten. Üblich waren auch Jassrunden im Stumpenrauch.
Aus lauter Übermut flogen manchmal Heiris gute Cremeschnitten durch den Ventilator in der Wand. Mehr Stärke erzeugte der Alkohol für die Kräftigen im Ellbogendrücken und Fingerziehen oder dem Fauststossen, bis es in den alten Tischen krachte. Natürlich hatten die Verlierer eine Runde zu bezahlen. Ärgerlich für die Getränkelieferanten war, wenn sie die leeren Bierflaschen ohne Verschlüsse zurücknehmen mussten, weil diese von den Trinkfreudigen zu einer Kette zusammengehängt wurden. Nach einem Kaffee-Lutz landeten manchmal auch verdrehte Löffel im Abfall. Sogar die Anbindestange für Pferde beim Kastanienbaum wurde ein Opfer der Kräftigen: Peter und Ruedi hoben den einen Teil der Stange aus dem Boden und bogen ihn zu einem rechten Winkel.
Unter Missachtung der Polizeistunde (00.30 Uhr) dauerten manche Feierlichkeiten bis in die frühen Morgenstunden, sofern der zivile Polizeistundenkontrolleur nicht seine Runde machte. Einzelne „Überhöckler“ hatten das Glück, dass sie bei Unachtsamkeit des Kontrolleurs durch den Hinterausgang entwischen konnten. Für den einheimischen Kontrolleur war es nicht immer angenehm, wenn er (auch) an seine Bekannten Bussen verteilen musste. Später übernahm dann der Gemeindepolizist in Begleitung eines Kollegen diese Aufgabe, was dann auch dem „Schlupfloch“ beim Hinterausgang ein Ende setzte. Manchmal liessen die Beiden bei gewissen Anlässen Gnade walten und sagten: „Mir chömed dänn wieder, aber dänn git’s e Buess“.
Früher Morgen wurde es in der Regel nach der traditionellen Bundesfeier. An einem Samstagmorgen sagte die Posthalterin auf ihrer Tour zu den Übriggebliebenen: „So, sind er immerno doo“. Manchmal holte Peter seine Trompete und sorgte für Stimmung im oder vor dem Freihof. Einmal ging er mit ein paar Kollegen in der Nacht zu Fuss auf den Eggbühl zum Bundesfeierplatz und sagte: „Jetzt spili eis zu de Neschwiler abe, und dänn zu de Wildberger und Ehriker und zletscht na eis is Tösstal abe“.
Neueröffnung Restaurant Bierhahn
Am 3. März 2007 wurde mittels Umbau eines Schopfes mit zugehöriger Garage an der Ludetswilerstrasse 28 ein neues Restaurant eröffnet unter dem Namen „Nöggis Bierhahn“. Geführt wurde es von Monika Marthaler und Bruno Neuenschwander, mit reduzierten Öffnungszeiten an Werktagen, ausser am Wochenende. Um vom Image der Bierbeiz wegzukommen wurde in einem Wettbewerb unter den Gästen der neue Name „Restaurant am Eggbühl“ (bezogen auf den Flurnamen) kreiert. Das vom inzwischen verheirateten Wirtepaar gesteckte Ziel, allein vom Restaurantbetrieb zu leben, wurde aber nicht erreicht. Trotz vielversprechender Speisekarte und ruhiger, sonniger Lage blieb der für den Vollerwerb erhoffte Gästebesuch aus, auch seitens der Neschwiler. Dies führte schliesslich im Jahr 2015 zur Schliessung des Betriebs und zum Verkauf des Gebäudes, welches danach zu einem Wohnhaus umgebaut wurde.

